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Die Amygdala – Ihr innerer Alarm

Aktualisiert: 30. Dez. 2025

Warum Stressreaktionen oft schneller sind als unser Denken


Der innere Alarm im Gehirn

Vielleicht kennen Sie diese Situation: Sie sitzen ruhig da, alles wirkt entspannt – und plötzlich reagiert Ihr Körper. Der Puls steigt, der Atem stockt kurz, die Muskeln spannen sich an. Noch bevor Sie bewusst einordnen können, was passiert ist, ist Ihr Körper bereits im Alarmmodus.


Verantwortlich dafür ist ein kleiner, aber sehr mächtiger Teil unseres Gehirns: die Amygdala. Sie ist Teil des limbischen Systems und fungiert als inneres Alarmsystem. Ihre Aufgabe ist es, blitzschnell zu entscheiden, ob eine Situation potenziell gefährlich ist – und den Körper entsprechend zu aktivieren.


Diese Entscheidung fällt in Millisekunden, deutlich schneller, als unser bewusstes Denken einsetzen kann.


Warum die Amygdala so schnell reagiert

Die Geschwindigkeit der Amygdala war evolutionär überlebenswichtig. In einer echten Gefahrensituation – etwa bei einem Angriff – wäre langes Nachdenken fatal gewesen. Die Amygdala löst daher unmittelbar körperliche Reaktionen aus: Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, der Körper bereitet sich auf Kampf, Flucht oder Erstarren vor.


Erst danach wird der präfrontale Kortex aktiv – jener Gehirnbereich, der für Planung, Rationalität und bewusste Kontrolle zuständig ist. In akuten Stressmomenten tritt er jedoch in den Hintergrund. Man könnte sagen: Die Amygdala übernimmt das Kommando.


Stress im modernen Alltag

Heute begegnen wir nur selten lebensbedrohlichen Situationen. Trotzdem reagiert unsere Amygdala weiterhin auf alles, was sie mit „Gefahr“ verknüpft: Zeitdruck, Konflikte, Kritik, emotionale Spannungen oder bestimmte Personen.


Problematisch wird es, wenn diese Reize häufig auftreten. Dann „lernt“ die Amygdala, besonders schnell Alarm zu schlagen – selbst dann, wenn objektiv keine Gefahr besteht. Fachlich spricht man von einer Überaktivierung der Amygdala.


Der Körper befindet sich dann gefühlt dauerhaft im Alarmzustand: innere Unruhe, erhöhte Reizbarkeit, starke emotionale Reaktionen oder das Gefühl, ständig unter Druck zu stehen, sind typische Folgen.


Wenn Wahrnehmung sich verändert

Ist die Amygdala aktiv, verändert sich auch unsere Wahrnehmung. Situationen werden schneller als bedrohlich interpretiert, neutrale Bemerkungen wirken kritisch, ein bestimmter Tonfall löst starken Stress aus.


Diese Verzerrung geschieht unbewusst. Die Amygdala „färbt“ sozusagen die Brille, durch die wir die Welt sehen. Genau deshalb ist Selbstwahrnehmung ein zentraler Schlüssel im Umgang mit Stress: Wer erkennt, wann der innere Alarm aktiv ist, kann innehalten, statt automatisch zu reagieren.


Die gute Nachricht: Die Amygdala ist beeinflussbar

So mächtig die Amygdala auch ist – sie ist trainierbar. Unser Gehirn ist plastisch und verändert sich durch Wiederholung. Mit anderen Worten: Wir können lernen, den inneren Alarm wieder zu beruhigen.


Das gelingt vor allem über drei Ebenen:

  • Über den Körper: Atmung, Bewegung und Entspannung senden direkte Entwarnungssignale an das Gehirn.

  • Über Gedanken: Nicht durch bloße Beruhigungsformeln, sondern durch eine langfristige Neubewertung belastender Situationen.

  • Über Beziehungen: Sicherheit, Nähe und wertschätzende Kontakte senken die Alarmbereitschaft des Nervensystems.


Besonders wirksam ist der körperliche Zugang: Wenn der Körper zur Ruhe kommt, folgt das Gehirn.


Selbstregulation als Schlüssel im Umgang mit Stress

Selbstregulation bedeutet, innere Zustände wahrzunehmen und bewusst zu beeinflussen. Sie ist eine zentrale Fähigkeit im gesunden Umgang mit Stress. Dabei geht es nicht darum, die Amygdala „abzuschalten“. Sie ist kein Feind, sondern ein Wächter – manchmal übervorsichtig, aber immer mit der Absicht zu schützen.


Wer lernt, ihre Signale zu verstehen, kann mit ihr arbeiten statt gegen sie. Mit der Zeit reagiert der innere Alarm weniger häufig, weniger intensiv – und es wird leichter, in belastenden Situationen ruhig und klar zu bleiben.


🎧 Passend zum Thema: Podcast-Folge

In dieser Podcast-Folge erkläre ich ausführlich, wie die Amygdala als inneres Alarmsystem wirkt, warum sie bei Stress überaktiv werden kann und wie Sie lernen können, diesen Alarm gezielt zu beruhigen.


👉 Podcast anhören:




Passende Entspannungsübungen gibt es auch in der Mentalkraftstube: https://www.mentalkraftstube.at/mentalkraftstube



Die Inhalte dieses Beitrags dienen der Information und Orientierung. Sie ersetzen keine psychologische oder medizinische Behandlung.

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Mag. Michaela Höfer

Klinische & Gesundheitspsychologin
Notfallpsychologin, Arbeitspsychologin
Biofeedback & Neurofeedbacktherapeutin
Engelgasse 19
8010 Graz
michaela.hoefer@mentalkraftstube.at
www.mentalkraftstube.at
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