Warum Gefühle manchmal überwältigen – und manchmal verschwinden
- Mag. Michaela Höfer

- 15. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Emotionen, Regulation und das Nervensystem unter Stress
Wenn Gefühle sich extrem anfühlen
Manche Menschen erleben ihre Gefühle als überwältigend: Angst, Wut oder Traurigkeit tauchen plötzlich auf, sind intensiv und schwer zu regulieren. Andere berichten vom Gegenteil – von innerer Leere, emotionaler Dämpfung oder dem Gefühl, kaum noch etwas zu spüren.
Beides kann verunsichern und Angst machen. Aus psychologischer und neurobiologischer Sicht lassen sich diese unterschiedlichen Erfahrungen jedoch gut einordnen. Sie sind keine Zeichen von Schwäche oder Fehlfunktion, sondern Ausdruck dessen, wie das Nervensystem mit Belastung umgeht.
Gefühle sind Körperzustände
Im Alltag werden Gefühle oft mit Gedanken gleichgesetzt. Neurobiologisch betrachtet sind Emotionen jedoch vor allem Körperzustände. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel von Nervensystem, Körperreaktionen und früheren Erfahrungen.
Ein Gefühl ist eine innere Information darüber, wie sicher oder unsicher das Nervensystem eine Situation im Moment einschätzt. Gefühle sind daher keine Zufallsprodukte, sondern Signale. Sie zeigen an, wie der Körper auf innere oder äußere Reize reagiert.
Regulation ist nicht Kontrolle
Ein zentraler Unterschied im Umgang mit Gefühlen liegt zwischen Emotionskontrolle und Emotionsregulation.
Kontrolle bedeutet, Gefühle zu unterdrücken, zu ignorieren oder „trotzdem zu funktionieren“. Das kann kurzfristig helfen, kostet langfristig jedoch viel Energie.
Regulation hingegen beschreibt die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und wieder abklingen zu lassen. Diese Fähigkeit ist keine Technik, sondern eine Leistung des Nervensystems – und sie ist stark davon abhängig, wie belastet oder sicher sich das System gerade fühlt.
Wenn Gefühle überwältigen: Überaktivierung
Wer Gefühle als zu intensiv erlebt, befindet sich häufig in einem Zustand erhöhter Aktivierung. Das Alarmsystem des Gehirns ist sehr präsent, der Körper angespannt, die Amygdala aktiv. Emotionen treten dann ungefiltert auf.
Überflutende Gefühle sind kein Zeichen von „zu viel Sensibilität“. Sie deuten darauf hin, dass das Nervensystem Gefahr wahrnimmt und Sicherheit vermisst. In diesem Zustand geht es nicht um rationale Einordnung, sondern um Schutz.
Wenn Gefühle verschwinden: Unteraktivierung
Das scheinbare Verschwinden von Gefühlen ist ebenfalls eine Schutzreaktion. Wenn Belastung über längere Zeit zu groß wird, kann das Nervensystem in einen Zustand der Dämpfung wechseln.
Typisch sind emotionale Abflachung, innerer Rückzug oder das Gefühl von Leere. Auch das ist keine Gefühllosigkeit, sondern ein Versuch, Überforderung erträglicher zu machen. Das Nervensystem „dreht die Lautstärke herunter“, um zu schützen.
Schwanken zwischen Über- und Unteraktivierung
Viele Menschen erleben nicht nur das eine oder das andere, sondern ein Wechselspiel: Phasen intensiver emotionaler Aktivierung wechseln sich mit Erschöpfung oder innerer Leere ab.
Dieses Schwanken ist kein Zeichen von Instabilität. Es ist ein Regulationsversuch eines überlasteten Nervensystems, das immer wieder versucht, ein erträgliches Gleichgewicht herzustellen.
Die Rolle des präfrontalen Cortex
Für Emotionsregulation ist der präfrontale Cortex besonders wichtig. Er hilft, Gefühle einzuordnen, sprachlich zu fassen und Abstand zu gewinnen. Unter Stress ist dieser Bereich jedoch weniger gut verfügbar.
Viele Menschen erleben dann, dass sie ihre Gefühle zwar verstehen, sie aber dennoch nicht beeinflussen können. Das ist kein Mangel an Einsicht, sondern ein Zeichen eingeschränkter Regulation unter Belastung.
Zusammenhang mit psychischen Belastungen
Diese Muster finden sich bei vielen psychischen Belastungen wieder:
Angststörungen gehen häufig mit Überaktivierung einher
Depressionen mit emotionaler Abflachung
Traumatische Erfahrungen oft mit einem Wechsel zwischen beiden Zuständen
Das bedeutet nicht, dass Menschen „falsch fühlen“. Es zeigt, dass ihr Nervensystem lange unter Druck stand.
Gefühle verstehen entlastet
Gefühle sind keine Gegner. Auch dann nicht, wenn sie überwältigend sind – und auch nicht, wenn sie scheinbar verschwinden. Sie sind Ausdruck dessen, wie das Nervensystem versucht, Schutz und Stabilität aufrechtzuerhalten.
Regulation lässt sich lernen. Nicht durch Druck oder Kontrolle, sondern über Sicherheit, Beziehung und Verstehen. Bereits das Einordnen der eigenen Reaktionen kann entlastend wirken und den ersten Schritt zu mehr innerer Stabilität ermöglichen.
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In dieser Podcast-Folge erläutere ich ausführlich, warum Gefühle unter Stress überwältigend oder gedämpft sein können und wie das Nervensystem diese Reaktionen steuert.
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